Andreas Mattersteig

Figuralchor

Aus dem Düsseldorfer Feuilleton, Rheinische Post vom 15. Mai 2001:


Unterwegs nach Emmaus

Zwei Freunde marschieren von Jerusalem in ein rund elf Kilometer entferntes Dorf. Unterwegs treffen sie jemanden, den sie irgendwie kennen; allein ihr Gedächtnis lässt sie im Stich. Später will der vermeintlich Fremde allein weiterziehen. Da jedoch regt sich bei seinen Begleitern Widerspruch: "Bleib bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt." Lukas 24, 29.

 

Diesen Satz aus der Emmaus-Geschichte hat am 9. März 1855 ein junger Student namens Joseph Rheinberger für sechsstimmigen Chor a-cappella vertont. Just mit diesem Werk schickte der Norddeutsche Figuralchor unter der Leitung von Jörg Straube in der Johanneskirche das Publikum in die Pause. Man war wie benommen. Wäre am liebsten in stille Rheinauen geflohen, um das soeben Gehörte erst einmal zu verdauen. Hinreißend. Mit wieviel Geschmack hier gesungen wurde, mit wieviel Sinn für Nebenschauplätze.

 

Zweifellos: Die Norddeutschen bilden eine Hochburg anspruchvollen Chor-Gesangs. Wie da jede Phrase abgerundet wurde, es war ein Fest. Klänge aus dem Nichts heraus zu produzieren und sie ansatzlos wieder dahin zurückzuführen - ganze Chor-Armeen scheitern daran. Für die etwas mehr als 30-köpfige Sängergarde aus Hannover ist dies offenbar größte Selbstverständlichkeit. Bereits mit dem einleitenden Bach - "Singet dem Herrn ein neues Lied" - legte man die passende Visitenkarte vor. Punktgenaue Einsätze, tadelloses Legato. Fliegende Melodie-Übergänge wie bei einem perfekten Staffellauf.

 

Zwischen den Chorwerken spielte Ryoko Morooka an der Orgel. Zunächst zweimal Bach, "Schmücke dich, o liebe Seele", eine Choralbearbeitung, und anschließend das g-moll-Präludium nebst Fuge. Alles fügte sich fein zusammen: klare Phrasierung, deutlich abgehoben der cantus firmus im Choral.

 

Hinterher zwei Stücke von Jehan Alain, dem viel zu früh gestorbenen Franzosen. Gerade aus "Litanies" machte Morooka ein Wunderwerk der Klangfarben. Die dynamischen Übergänge waren bestens registriert, es entstand eine Collage von geheimnisvollen Gottes-Rufen. Abgründe des Lichts fielen in starre Dunkelheit. Die Mysterien rutschten gleichsam vom Spieltisch ins Pedal und wieder zurück. Nie wurden sie greifbar.

 

Zuletzt sang der Figuralchor Frank Martins Messe für zwei Chöre. Straube dirigierte mit meist kleinen Gesten, doch mit einer Präzision, daß alle Signale prompt vom Chor umgesetzt wurden. Im Kyrie schoben sich die beiden Teil-Chöre ihre imitatorischen Stimm-Einsätze gegenseitig zu. Alles schaukelte, alles oszillierte. Man fragte nicht: Wie machen die das? Man horchte bloß. Ob die Cluster-Effekte im Gloria oder die stets an der Grenze zur Atonalität schaukelnden Tonrückungen im Benedictus, sämtliche Kühnheiten wurden in ein organisches Ganzes integriert.